Canoecraft – oder die Kunst des Kanadierbauens

Mein erstes DIY-Wooden-Stripe-Canoe – Holzleistenkanadier – Canoecraft

Canoecraft Walk on the Wildside

 

Die Vorgeschichte

Am Freitag, den 13. im Jahre 2011, lag mein Work and Travel Visa im Briefkasten. Es ging wieder nach Kanada. Diesmal wollte ich in Moose Jaw, Saskatchewan leben. Von 2009 bis 2010 hatte ich bereits in British Columbia gelebt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ländertechnisch. 😉
Am 4. Juli ging mein Flieger nach Calgary (Alberta), und von dort aus noch mal 8 Stunden mit dem Greyhound bus nach Moose Jaw. Meine neue Heimat. Einen Job hatte ich mir schon in Deutschland organisiert.

Mein künftiger Boss empfing mich und fuhr mit mir gleich die wichtigsten Stationen ab. Bankkonto eröffnen, Social Insurance anmelden und Apartment beziehen. Um mobil zu sein, kaufte ich mir vom 1. Scheck ein Fahrrad. Anders als gewohnt, bekommt man allle zwei Wochen seinen Lohn/Gehalt. Zugegeben, in Kanada ist das anders als hier in Deutschland. In Kanada kann Mann/Frau auf dem Highway mit dem Fahrrad fahren. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber da alles etwas weitläufiger ist, kommt man nicht umhin, sich ein Auto anzuschaffen.

“The Beast”

Wochenlange Recherchen folgten und dann kam der große Tag. Ich fand einen bezahlbaren Dodge Van und freufreu, einen Kanadier. Nicht gemeint sind die Einwohner des Landes. Drei Stunden mit einem One-Way-Ticket im Bus nach Saskatoon. Aufregende Sache, dort ein Auto zu kaufen. Auf dem Rückweg fuhr ich einen Umweg über Regina (die nächstgrößere Stadt) in der Hoffnung, dass der Kanadier noch irgendwie ins oder ans Auto passt.

Der Kahn war noch gut in Schuss und dann fing die eigentliche Herausforderung an. Auf das Dach ging er nicht. Zum Glück gibt es Canadian Tire (Baumarkt). Der Verkäufer wollte die Motornummer ect. wissen. Nun ja, es gab nicht, was ich mir vorstellte, aber es gab Spanngurte. Zurück zum Verkäufer des Kanadiers und dann zusammen “The Beast“ in den Dodge von hinten nach vorne auf den Beifahrersitz geschoben … Schnüre, Spanngurte überall. Sogar den Sicherheitsgurt haben wir eingesetzt. Leider ging die Hecktür des Vans nicht mehr zu. Nun, ein Hoch auf Spanngurte! Dann ging es noch mal 45min über den Highway 1 der Sonne entgegen. Wundervoll.

Später hatte ich dann eine Möglichkeit gefunden, den Kanadier oben auf dem Dach zu befestigen. Es sah aus, als habe mein Van einen Irokesenschnitt. Wir drei, „The Beast“, “Nr. One” und ich hatten eine großartige Zeit.

The Beast Canoecraft Walk on the Wildside

 

Das Projekt / Die Umsetzung

Zurück in Deutschland vermisste ich „The Beast“ schrecklich, da ich es mit „Nr. One“ (meinem Van) verkaufen musste. Von Einheimischen liebevoll “Creepy Van“ genannt, fährt er heute noch durch die Straßen von Moose Jaw. Inzwischen ist er ein Oldtimer.

Ich wälzte die Angebote bei eBay-Kleinanzeigen und diversen anderen Plattformen. Unter 450,- fand ich keinen Kanadier. Irgendwann las ich einen Bericht in einer Zeitung, dass ein Kurs angeboten wurde, wo man unter Anleitung einen Kanadier selbst bauen konnte. Kostenpunkt 1.000,- Euro. Puh, damals eine Stange Geld für mich. Und dann passierte das, was mir meist in meinem Leben passiert. Eine Vision – von einem Kanadier aus Holz. Ich recherchierte und las viel und fand alle Informationen dazu, nur keinen Bauplan, bzw. einen für 80,-€ zu kaufen. Dann fielen mir die heiligen Schriften Ted Moores in die Hände und alles erhellte sich. Ich ergatterte ein gebrauchtes Exemplar des Buches „Canoecraft“ aus Kanada und dort waren auch Baupläne drin. Ich hab mich für den Typ „Hiawatha“ entschieden. Dieser Name sollte mir einige Jahre später als Wildnispädagoge nochmal begegnen, in der Legende “Hiawatha, the Great Peacemaker“.

Die nächste Hürde war genommen. Nun verging wieder eine Weile, da ich mit Sägen und Hobeln der geschenkten Holzleisten beschäftigt war. Leider eine Arbeit, die umsonst war. Das Holz hatte mindere Qualität. Also kaufte ich neue Leisten im Baumarkt. Mein Mitbewohner Paul und ich setzten uns daran, die Maße in eine Tabelle einzupflegen und alles in cm umzurechnen. Das Dämlichste, was man machen kann!

Canoecraft auf dem Reißbrett Walk on the Wildside

Herausforderungen beim “Canoecraft” in Berlin

Wir wohnten seinerzeit im Altbau und hatten somit eine Vorgabe für die Größe des Kanadiers: die maximale Länge, die wir errechneten, um durch den Hausflur zu kommen, betrug 3,65m. Damit war er 1,5m kürzer als die Vorlage. Das sollte später noch eine Herausforderung werden.
Zuerst bauten wir ein Modell und danach begannen wir mit der Herstellung der Mallen und Helling, sprich des Bocks, auf denen die Mallen befestigt werden.

Modell Canoecraft Walk on the Wildside

Tag und Nacht nur ein Thema: Canoecraft

Alleine das Bohren der Löcher in die Mallen dauerte einen Tag. Immer wieder eine Pause, um den Bohrer abzukühlen. Dann war alles fertig für den Aufbau. Endlich hatte der lange, schmale Flur in unserer Wohnung eine Verwendung. Das nächste Problem, oder besser gesagt die nächste Herausforderung waren die Leisten an sich. Mein Geldbeutel war schmal und ich kaufte alles immer so, wie gerade Geld da war. Ich machte parallel dazu gerade meinen Fachwirt und arbeitete noch abends als Einsatzleiter in einem bekannten Berliner Theater. Mein Tagesablauf bestand aus 8:30 Uhr aufstehen und frühstücken, und bis 16 Uhr am Kanadier zu bauen. Dann duschen, um gestriegelt und gebügelt im Anzug im Theater zu arbeiten. Wann ich Feierabend machen konnte, war abhängig von den letzten Gästen. Nachdem mein Team verabschiedet, die Abrechnung und das Theater abgeschlossen war, ging es eilig nach Hause. Da die letzte U-Bahn oft weg war, fuhr ich meist mit dem Rad, um schnell nach Hause zu kommen, Schlaf zu finden und dann wieder am Kanadier bauen zu können. In jeder freien Minute schwirrten meine Gedanken um Dinge, die sich beim Bau als schwierig gestalteten. Ich lebte in einer Parallelwelt. Aus heutiger Sicht alles gar nicht so wild, aber seinerzeit brachten mich manchmal die Dinge zur Verzweiflung. Aber ich wäre nicht Tom, wenn ich keine Wege finden würde. Not macht bekanntlich erfinderisch. Sagen wir, ich bin lösungsorientiert 🙂

Die Kunst des Improvisierens

Manchmal kann ich nicht sagen, wie der Weg zum Ziel ist, aber ich habe eine Vorstellung davon, wie es aussehen kann. Der Weg durch den dichten Dschungel wird dann zu einem Pfad und der Pfad dann zu einer Straße. Die Kunst des Improvisierens. Das versuche ich auch in meinen Programmen weiterzugeben bzw. zu vermitteln.
Am Ende – ich habe die Stunden nicht gezählt – stand es da. Ein Traum aus Holz. Viel Schweiß, viele Nerven, viel Tee und viele viele Stunden, Tage, Wochen Arbeit. Ich denke, es waren so 2,5 Monate Bauzeit, genau kann ich es aber nicht sagen. Ich habe sehr viel gelernt und bin auch froh, dass ich mit Paul einen entspannten Mitbewohner hatte und er die Zeit mit mir durchgehalten hat. Zeitweise war der Flur mit Folie “hermetisch”abgeklebt und schwer begehbar, da ich leider keine Werkstatt fand, in der ich das Kanu bauen konnte. Man hätte bei uns in der Wohnung einen Science-Fiction-Film drehen können. Fehlten nur noch die Schutzanzüge. Einen Dank auch an meine Mitbewohner im Haus. Es kam nur einmal jemand vorbei und meinte, dass Sonntag sei. Wenn ich in meine Projekten vertieft bin, habe ich kein Raum-und Zeitgefühl. Für mich sind solche Zwangspausen nur schwer auszuhalten, da es mich in den Fingern juckt und ich unbedingt weitermachen will.

     Canoecraft Walk on the Wildside im Flur Canoecraft final picture

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fazit und weitere Projekte

Für mich war es wichtig, noch Haltemöglichkeiten einzubauen, was in Form von zwei Löchern geschah. Die Bemalung ist stark von den Haida Gwaii Natives in British Columbia beeinflusst. Einen Sitz habe ich auch noch gebaut, aber festgestellt, dass der bei der Größe eher „fehl am Platz“ 😉 ist.

Die Wassertaufe fand Samstag Nacht punkt Mitternacht statt. Auf dem Weg nach Hause gab es einen Supermond am Himmel. Wunderschön. Zuhause angekommen war Paul noch wach. Ich fragte, ob er Lust auf die Jungfernfahrt hätte und schon waren wir mit dem Kanu zu Fuß in Neukölln unterwegs. Nachts mit einem bemalten Kanadier durch die Straßen laufen … Uns sprachen prompt Leute an. Einer wollte es auch gleich kaufen. Knapp einen Kilometer, dann waren wir am Kanal. Es schwamm! Es folgten 13 Stunden auf dem Wasser. Wir erkundeten Neukölln, Kreuzberg und Treptow. Wir waren auch schon auf Höhe der Jannowitzbrücke, als uns ein Skipper informierte, dass wir hier nicht fahren dürfen. Wir sind dann sofort umgekehrt. Jetzt kennen wir auch die Wassersbeschilderung 😉 Paul trug einen Sonnenbrand am frühen Nachmittag neben dem Kanu mit nach Hause.
Es war ein wundervolles Projekt. Der Kanadier ist natürlich nicht perfekt, hat hier und da ein paar Schönheitsfehler, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich mit den Werkzeugen (nur Bandschleifer, Hobel, Japansäge, Schraubzwingen und Spanngurte) und meinen Händen  improvisiert habe und das Ganze in meiner WG im Flur passierte, ist es großartig und es wird nicht das Letzte gewesen sein. Das nächste dann in (m)einer Werkstatt und mit entsprechenden Werkzeugen (Fräse ect). Ich habe wieder eine Menge gelernt und es hat meinen Horizont erneut erweitert.

Wenn du Fragen hast, dann schreib mir einfach über die Kontaktseite

Euer Tom

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